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MOTORSPORT TOTAL

Motorsport-Total.com - Motorsport-Informationsdienst

erstellt am: 01.09.2010 um 22:17

Ich hab mal für meine (Ex-) Freundin zusammengeschrieben, warum wir so viel Zeit und Geld investieren und unsere Gesundheit für ein scheinbar stupides im-Kreis-Fahren aufs Spiel setzen.

„Das Rennen läuft ab wie in der internationalen Szene – Qualifying – Startaufstellung – Aufwärmrunde -  Startprozedur, ein bisschen fühlt man sich dann auch wie ein Profi…in der Aufwärmrunde versuchst du einen Probestart, experimentierst mit der Motordrehzahl, testest wie schnell du die Kupplung kommen lassen kannst, ohne dich rückwärts zu überschlagen, du beobachtest wie deine Gegner wegkommen, wo sind die 1000er, gegen die du beim Start keine Chance hast. Die Aufwärmrunde wird schon recht zügig gefahren, um die Reifen auf Temperatur zu bringen. Wenn du in die Startaufstellung rollst, beginnen die längsten Sekunden des Wochenendes. Wieder kommen die ritualisierten Abläufe, Visier und Kombi noch einmal öffnen für wenige Sekunden, einmal noch durchatmen, Startprozedere im Kopf durch gehen, danach Kombi und Visier schließen, ein letzter kurzer Blick aus dem Augenwinkel auf die Tribüne Richtung Zuschauer….ein Rennen ist eben ein Rennen, egal ob zwischen Profis oder Hobbyisten.

Danach wird es ernst, Kupplung ziehen, erster Gang rein, Standbein wechseln, der rechte Fuß geht wieder auf die Raste, der linke bleibt für den Balanceakt in Bodenkontakt, die Augen kneifen sich zusammen…nehmen nur mehr die Ampel ins Visier, ich gebe rhythmisch kurze Gasstöße ab, jeder Muskel in meinem Körper ist anspannt, in keiner anderen Lebenssituation habe ich je mehr Adrenalin in meinem Körper gespürt als in den Sekunden vor dem Start.

Wenn das rote Licht der Ampel erscheint, wird es langsam laut, jeder versucht den Motor auf die optimale Drehzahl zu bringen. Der Asphalt vibriert, wenn 40 Motoren gleichzeitig durchatmen. Von alldem bekomme ich aber nichts mehr mit, um mich ist alles still, ich nehme nichts mehr wahr, leicht geduckt fokussiere ich nur mehr die Ampel. Das Erlöschen des roten Lichts befreit mich aus meiner Trance, ich lasse die Kupplung kommen, in den ersten Sekunden bin ich nur bemüht, das Vorderrad auf dem Boden zu halten und dem Vordermann nicht aufzufahren. Im Augenwinkel sehe ich rechts von mir schemenhaft ein Vorderrad auftauchen, ich versuche mich vor dem Anbremsen der ersten Kurve rechts einzuordnen, viel früher als gewöhnlich drehen hier alle den Gashahn zu. In den Hobbyklassen ist der Respekt vor der Geschwindigkeit und dem Verkehr nach dem Start deutlich zu spüren, trotzdem wird es oft sehr eng. Wenn du glaubst, du bist am innersten Rand der Strecke, schneidet oft noch ein Kontrahent mit mächtigen Geschwindigkeitsüberschuss an dir vorbei. Nach ein paar Kurven und ein einigen Überholmanövern bin ich in der Gruppe, die meinem Können entspricht.

Die acht Runden vergehen wie im Flug und hinterher fühlt sich jeder wie ein Sieger, wenn er die schwarz-weiß Karierte sieht und die Ziellinie überquert. Die langsame Auslaufrunde ist ein weiteres Highlight des Wochenendes, die Streckenposten schwenken alle ihre Fahnen und winken den Fahrern zu, sie zollen den Fahrern Respekt für ihre Leistung, dabei ist es egal, ob du das Rennen gewonnen hast oder Vorletzter geworden bist, jeder bekommt die gleiche Anerkennung. Die Fahrer winken zurück, bedanken sich dafür, dass diese Menschen viel Aufwand und Zeit opfern, um den Sport so sicher wie möglich zu machen.

Ich ernte von einem Kontrahenten, den ich überholt habe, einen erhobenen Daumen, den gebe ich zurück, applaudiere für den harten, aber fairen Kampf den wir miteinander hatten, es drückt mir die Tränen in die Augen, weil ich von den Emotionen und Eindrücken überwältigt bin, weil ich hart an meinem eigenen Limit gefahren bin, keine groben Fehler gemacht habe, meine Konzentration gehalten habe und weil diese Leistung von den anderen anerkannt und respektiert wird. Hier zählt nicht, wer du bist, was du bist, woher du kommst. Hier zählt einzig und allein nur wie du

fährst. Natürlich habe ich Respekt vor den Fahrern, die schneller waren als ich, aber auch vor denen die mit chancenlosem Material beeindruckende Leistungen zeigen. Respekt vor Fahrern, die einem mit über 50 oder sogar 60 Jahren auf der Strecke noch voll fordern, nicht zuletzt vor allen Fahrerinnen, die sich in diese Männerdomäne vorgewagt haben und eine gute Performance zeigen.

Wenn ich an die Box zurückkomme, gibt es keinen Muskel in meinem Körper, der nicht schmerzt, mein Körper ist leer, ausgepowert, zitternd klettere ich vom Moped und bekomme dieses Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Es ist ein unbeschreiblich gutes Gefühl, es geschafft zu haben. Ich sehe, wie die Fahrer sich gegenseitig wild gestikulierend von dem einen oder anderen Überholmanöver oder brenzligen Situation berichten und sie alle haben dieses Funkeln in den Augen, dieses Glitzern, das du sonst nur in den Augen der kleinen Kinder unter dem Weihnachtsbaum siehst.

Also, noch einmal zur Eingangsfrage, warum das Ganze?

Ich glaube, es ist diese brisante Mischung an Gefühlen und Eindrücken, Euphorie, Angst, Adrenalin, das volle Programm. Es geht darum, seine Grenzen und seine Limits zu erkennen, sie zu verschieben, immer weiter zu gehen, kontrolliert schneller zu werden, seine Angst zu überwinden, sich ständig zu verbessern und sich nie ganz zufrieden zu geben.

Es geht darum, Vertrauen aufzubauen in das Material, aber vor allem geht es um das Vertrauen der eigenen Fähigkeiten! Es geht darum, sich nur auf das Fahren zu konzentrieren, alles andere auszublenden und wegzuschalten, diese Konzentration sehr lange auf hohen Niveau zu halten, Bewegungsabläufe zu automatisieren und trotzdem jederzeit auf Unvorhergesehnes reagieren zu können. Wenn ich abends zusammenräume und mein Motorrad am Anhänger verzurre muss ich noch einmal an die vergangenen zwei Tage denken…und da ist es wieder, dieses Gefühl der Zufriedenheit. Ich bin froh, dass ich Mensch und Maschine in einem Stück heimbringen kann, und freue mich schon auf den nächsten Besuch an der Strecke und weiß nicht, ob mich dieser Virus jemals wieder loslassen wird.

Text/Bilder: J.K.

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