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erstellt am: 18.08.2016 um 22:37

MotoGP - Der Michelin Reifenpoker lässt Lorenzo straucheln. Vor allem ist Lorenzo ein Pilot, der seinen Speed nur findet, wenn das ganze Paket nahezu perfekt funktioniert. Eine Schwäche von Lorenzo, die viele Jahre überhaupt nicht sichtbar war, beginnt sich entsprechend zu rächen.

Seit der Einführung der Michelin Reifen in der MotoGP-Klasse hat sich einiges verändert. Einige Fahrer straucheln seither regelmäßig, andere Piloten zeigen eine massiv ansteigende Performance. Wer bis dato an ein Formtief so mancher Fahrer glaubte und bei den anderen an einen hinzugewonnenen Grundspeed, hat sich geirrt.

Michelin hat nicht nur eine andere Vorgehensweise als Bridgestone, sie gehen auch sehr rigoros gegen Fahrer und Teammitglieder vor, die Michelin in breiter Öffentlichkeit kritisieren. Dieses Verbot der Dorna, den Reifenhersteller zu kritisieren, gab es auch schon zu Zeiten von Bridgestone. Der Unterschied war, dass Bridgestone diese Regel lockerer handhabte und mit Kritik umgehen konnte. Deshalb wurden auch keine ernsthaften Konsequenzen gegen Fahrer ausgesprochen, obwohl laut Dorna dieses „Vergehen“ mit einer Geldbuße zu belegen ist. Daran dürfte sich seit dem Umstieg auf Michelin Einheitsreifen einiges geändert haben, die Fahrer und Teams schweigen beharrlich. Natürlich bleibt die Kritik intern nicht aus, diese findet auch anschließend den Weg in die Öffentlichkeit, auch wenn sich die üblichen Hofberichterstatter der MotoGP in Schönschreibübungen ergehen.

Die unzähligen Varianten, die Michelin immer wieder aufs Neue bringt, zwingen die Teams dazu immer wieder von Neuem zu beginnen. Sogar der Reifenquerschnitt wurde schon ohne große Vorwarnung verändert, im Glauben, dem Vorderreifen Manieren beibringen zu können. Unterschiedlichste neue Mischungen, auch deshalb, weil die Reifen nur in einem sehr kleinen Temperaturfenster, im Verhältnis zu den Bridgestones, wirklich arbeiten und bei kälteren Bedingungen auch mal gar nicht. Dazu kommen noch wenig bis gar keine Testmöglichkeiten, somit werden die Fahrer am Rennwochenende immer wieder zu Reifentestern. Die Verwirrung ist entsprechend groß und einige Piloten können damit schwer bis gar nicht umgehen, einer davon scheint Lorenzo zu sein. Vor allem die großen Stars innerhalb der GP vermissen die Sicherheit und vor allem den guten Support, den Bridgestone für die Fahrer bereitstellte. Da gab es vorsortierte Mischungen, deren Verhalten nicht erst erprobt werden wollte, keine Experimente und die Fahrer bekamen von den Reifentechnikern vor Ort eine klar definierte Information, welche Mischung für welche Bedingungen die bessere ist. Ein Support, der bei Michelin kaum bis gar nicht vorhanden ist, vorbei die Zeiten in denen die Fahrer ihren Reifentechniker vertrauten, wenn es um die richtige Auswahl ohne große Überraschungen ging.

Damit ist es leider noch nicht getan. Der Michelin hat nicht nur einen kleineren Toleranzbereich in punkto Geometrieveränderung, bei etwas größeren Umstellungen reagieren die Reifen mit wenig Grip oder mit extremer Kurzlebigkeit. Da stoßen die Techniker sehr schnell an die Grenzen des Machbaren und die Fahrer müssen dann gröbere Kompromisse im Fahrverhalten in Kauf nehmen. Bei Abstimmungsfehlern droht die schnelle Reifenvernichtung, auch hier hat der Toleranzbereich erheblich gelitten.

Glaubten bei der Umstellung auf Michelin noch viele, dass die grundsätzlich weichere Auslegung der Reifenmischungen Fahrern wie Lorenzo in die Hände spielen würde, hat sich in der Praxis genau das Gegenteil herausgestellt. Lorenzo strauchelt zunehmend, weil er mit dem Michelin Gummi weniger gut zurecht kommt. Es sind aber nicht die Mischungen an sich, die ihm zu schaffen machen, sondern die genannten Unzulänglichkeiten, die ihn entsprechend verunsichern.

Vor allem ist Lorenzo ein Pilot, der seinen Speed nur findet, wenn das ganze Paket nahezu perfekt funktioniert. Mit den derzeitigen Unsicherheiten und jeder Menge unberechenbarer Faktoren verliert einer wie er jegliches Vertrauen ins Material und ist streckenweise im Mittelfeld zu finden, gelegentlich noch weiter hinten. Fahrer, die sich sehr schnell an neue Umstände anpassen können und ihren Fahrstil an die vorhanden Möglichkeiten angleichen, haben zunehmend die besseren Karten. Damit wäre auch gleich der Grund geliefert, warum immer mehr Fahrer, die früher ausnahmslos im hinteren Teil des Feldes zu finden waren, sich immer öfter in den Top Ten aufhalten. Eine Schwäche von Lorenzo, die viele Jahre überhaupt nicht sichtbar war, beginnt sich entsprechend zu rächen. Im ganzen MotoGP-Starterfeld findet sich kein Pilot, der derart leicht aus der Fassung zu bringen ist. Obwohl die weichere Grundauslegung des Michelin viel besser zu seinem Fahrstil passt, strauchelt er aus den genannten Gründen.

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